Das Bild zeigt Hagebutten, als Symbol für den November

Wie wir uns immer wieder neu anstrengen

Wir sind uns doch einig, oder? Schuld ist der November. Ja, genau (ich sehe Sie nicken). Der dunkle, nass-kalte November, in dem die Menschen mit hochgezogenem Kragen und herunter gezogenen Mundwinkeln über den Bürgersteig eilen und der Berufsverkehr zur Voll-Katastrophe wird.

Im November geht das Jahr in den Endspurt. Sankt Martin, die ersten Weihnachtsfeiern, ewig lange Listen mit Weihnachtseinkäufen und -vorbereitungen und noch längere to-do-Listen. Wir hetzen los. Wir fühlen: Das Jahr endet bald. Und es ist noch so viel zu tun!

Genau mit diesem November-Gefühl fuhr ich neulich abends im Auto durch Köln zu meiner monatlichen Übungsgruppe für Gesprächstherapie. Ich dachte an den vollen Tag und an all die Dinge, die noch zu erledigen sind und meine Laune wurde immer schlechter.

Mit „Gott, ist das alles wieder anstrengend“ quälte ich mich über eine überfüllte Kreuzung an der Berrenrather. Dieser Gedanke wäre mir nicht weiter aufgefallen, wenn mich der Nächste nicht voll erwischt hätte:

ICH strenge MICH an.“

Vor meinem geistigen Auge sah ich meine beiden Ausbilder in Gestalttherapie grinsend vor mir: „Anna, nicht Dein Alltag oder der November oder Egal-wer-angeblich-daran-Schuld-hat strengt Dich an. Nein. DU strengst DICH an. Frage Dich:

Wie strengst Du Dich an?

Ertappt! ICH strenge MICH an, indem in unbewusst durch den Tag renne und meine, ich müsste xyz erledigen.

Indem ich in Gedanken immer ein paar Schritte voraus bin. Aber – und das ist die gute Nachricht: Wir können uns immer wieder neu entscheiden: „Will ich mich hier anstrengen?“

„Ja, das will ich oder nein, das möchte ich nicht.“ Beides ist OK. Ich entscheide mich bewusst und komme in den Moment zurück. Ich bin präsent und übernehme die Verantwortung für mich selbst.

Bruno-Paul de Roeck schreibt in „Gras unter meinen Füssen – eine ungewöhnliche Einführung in die Gestalttherapie“: Mit der Antwort auf die Frage „Wie“ werden wir uns bewusst, was wir tun. Solange wir unbewusst unseren Gewohnheiten nachgehen, lassen wir uns treiben.

Wird uns bewusst, was wir tun, können wir wählen: alles so lassen, wie es es ist oder etwas verändern.

Gestalttherapie hilft, sich seiner selbst bewusst zu werden. Sich im „Hier und Jetzt“ zu erfahren. „Jetzt strenge ich mich an“ oder „Jetzt lasse ich mich hetzen von all den Verpflichtungen“ oder „Jetzt fühle ich mich erschöpft“ bringen uns in den Moment und zu uns selbst zurück.

Wird uns bewusst, wie wir mit uns selbst umgehen, können wir auch einfach mal eine andere Möglichkeit ausprobieren und erleben, wie das ist.

Lernen heisst in der Gestalttherapie: Entdecken, was möglich ist.

Herzliche Grüße,

Ihre Anna Kötting

PS: Ich hatte übrigens noch einen wunderschönen Abend. Das November-Gefühl ist weg (und ganz ehrlich: das Wetter war toll bisher :-))

PPS: Lesen Sie mehr über die Gestalttherapie: Licht am Ende des Tunnels und Gestalttherapie: Habe ich das Problem wirklich? und Ich erkenne mich in Dir.

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