Gestalttherapie

Gestalttherapie: Habe ich das Problem wirklich?

Kennen Sie das? Sie sind im Gespräch mit Ihrer Freundin. Es geht um die üblichen Themen: Beruf, Kinder, Partner. Plötzlich äußert Ihre Freundin etwas, das Sie aufhorchen lässt. Dieser eine Satz übertönt alles bisher Gesagte und trifft in Ihrem Innersten einen Nerv.

So ging es mir vor einigen Monaten bei einem Seminar zur Gestalttherapie. Ich saß mit einem Dutzend Teilnehmerinnen in der Abschlussrunde. Ein langer Übungstag lag hinter uns. Alle waren erschöpft. Gedanklich war ich abgedriftet. Ich sehnte mich nach einem faulen Abend: Käßspätzle vor dem Fernseher. Kinder, Hund und Katze auf dem Sofa und ich irgendwie dazwischen. Bloß nix mehr tun.

„Ich frage mich gerade: Habe ich dieses Problem, von dem ich immer dachte, ich hätte es, WIRKLICH? Oder rede ich es mir die ganze Zeit nur ein?“

Mit einem Schlag war ich hellwach. Die Müdigkeit verflogen. Dieser Satz einer Teilnehmerin traf mich. Was, wenn ich DAS Problem gar nicht hätte? Was, wenn ich gerne selbst mal ein Seminar halten würde und mir bisher immer nur eingeredet habe, das würde mir nicht gelingen?

Wie oft schränken wir uns ein: „Ich werde mich vor aller Welt blamieren, wenn ich xyz tue“ … „Für eine neue Berufsfindung bin ich zu alt“ …. „Ich bin nicht kreativ genug, um  Texte zu schreiben“…. „Dafür bin ich nicht gut genug ausgebildet“… „Ich habe keine Zeit“ ….

„Meistens sind die Argumente, mit denen wir uns selbst in unserer Entwicklung hemmen, reine Phantasie. Wir „denken“, dass wir diesen Schritt nicht bewältigen können und verschließen uns unsere Möglichkeiten mit einer ganzen Menge Annahmen. …

Mit derartigen Phantasien verhindern wir, dass wir wirklich leben

schreibt Bruno-Paul de Roeck in „Gras unter meinen Füssen – eine ungewöhnliche Einführung in die Gestalttherapie“.

Machen wir uns unsere einschränkenden Überzeugungen  bewusst, dann haben wir die Wahl: Bleiben wir dabei oder überwiegt der Wunsch, über die selbst auferlegten Grenzen hinauszuwachsen?

Egal, wie wir uns entschieden: Wir können uns nicht mehr selbst beschummeln.

Es gibt keine Ausreden mehr. Keine Entschuldigungen wie „Das kann ich nicht“, „Dafür bin ich nicht ausgebildet“, „Das tut mir nicht gut“ …

Was, wenn wir Risiken einfach mal eingehen? Und neue Wege gehen. Neue Erfahrungen zulassen. Uns ausprobieren und experimentieren. Hinfallen und wieder aufstehen. Uns gegenseitig unterstützen und ermutigen, weiter zu gehen oder die Richtung zu wechseln.

Übrigens: Mit einigen der oben erwähnten Seminar- Teilnehmerinnen habe ich vor einigen Tagen in einem anderen Zusammenhang angestoßen: auf bestandene Prüfungen, auf Ängste, Mut und Durchhaltevermögen, auf Hochs und Tiefs und auf den tiefen Glauben daran, dass wir hier sind, um uns selbst auszudrücken und unserem Herzen immer mehr zu folgen.

Herzlichst,

Ihre Anna Kötting