Bild eines Flusses zum Thema Gesprächspsychotherapie

Don’t push the river – it flows by itself (Fritz Perls)

Vor wenigen Tagen war ich bei meiner Supervisionsgruppe in Köln. Hier vertiefen wir in einer kleinen Gruppe die Gesprächspsychotherapie nach Carl Rogers, in dem wir miteinander üben.

An dem Abend sitzt Stefanie mir gegenüber. Für 20 Minuten Übungszeit ist sie meine „Therapeutin“. Ich habe heute gar nichts Wichtiges, worüber ich sprechen könnte, sage ich. Ich schaue zur Seite. Ich weiss, dass das nicht stimmt. Seit Wochen hadere ich mit meinem Blog. In der letzten Zeit war mir kein Text mehr gelungen. Faule Ausreden hatte ich am Anfang viele, aber sie hielten irgendwann nicht mehr stand.

Ich hatte ein paar lahme Versuche unternommen, über das Thema Abschied zu schreiben. Das erschien mir passend, waren wir doch gerade umgezogen. Ich las psychologische Bücher quer, recherchierte im Internet: Wie wir Veränderungen am besten meistern, über Abschied und Neubeginn, übers Loslassen, warum Abschied nehmen so schwerfällt, das Stufengedicht von Hermann Hesse….

Mehrere Text-Anfänge und alle habe ich sie verworfen. Am Rheinufer wartete ich auf Inspiration, während meiner Meditationen bat ich um kreative Gedanken und das Universum um klare Zeichen … Mit jeder Woche war es, als ob mein Blog immer weiter von mir wegtrieb.

Während ich all das Stefanie erzähle, entsteht ein Bild in meinem Kopf: Ich sitze vor einer durchsichtigen Wand aus (warum auch immer) Plexiglas. Dahinter liegen meine Blogtexte. Durch diese Wand kann ich nicht durchdringen, ich kann meine Texte nicht erreichen. Plötzlich verwandeln sie sich in zarte Pflanzen. Ja, genau, sage ich zu Stefanie. Jeder Text wuchs bisher wie eine kleine Pflanze. Es machte mich glücklich, ihr Wachstum zu beobachten. Zu sehen, wie auf einem zunächst leeren Blatt Papier ein Text entsteht.

Jetzt sehe ich vor meinem geistigen Auge, wie ich dieses kleine Pflänzchen „Abschied“ wie verrückt dünge, wässere, daran ziehe, ihm gut zurede. Ohne Erfolg. Im Gegenteil – auf einmal wird mein Pflänzchen sogar wieder kleiner und kleiner, es entwickelt sich rückwärts und verschwindet im Erdboden. Und ich kann nichts dagegen tun, schaue nur zu.

Mir wird wieder klar, was ich eigentlich schon weiss: Dass wir nicht immer alles erzwingen können. Dass wir nicht immer „produktiv“ sein können. Wenn wir Dinge forcieren, sie beschleunigen möchten, Druck auszuüben, dann agieren wir aus einer kontrollierenden Energie heraus. Und diese einengende Energie schafft keinen Raum für Kreativität, neue Einsichten und Ideen, inspirierende Gedanken.

An diesem Abend hatte ich den Raum – und dafür waren nur wenige Minuten nötig.

Ich freue mich auf Sie – ganz bald wieder.

Ihre Anna Kötting

PS: Übrigens, der nächste Text ist schon geschrieben und folgt in Kürze, meine Pflanzen haben sich im Laufe des Gesprächs noch weiter verändert 😊.

PSS: Manchmal sind die Dinge wohl noch nicht dran. Und es hilft nix, dran zu ziehen und zu zerren. Oder wie Fritz Perls – Begründer der Gestalttherapie sagt: Don’t push the river – it flows by itself.

PSSS: DANKE Stefanie für’s einfühlsame Zuhören, Spiegeln und Raum schaffen, damit meine Bilder entstehen konnten. Mehr braucht’s oft gar nicht.

PSSSS: Lesen Sie hier mehr zur Gesprächspsychotherapie nach Carl Rogers

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