Wie wir uns immer wieder neu anstrengen

Wann haben Sie sich letzte Mal beklagt, dass Ihr Alltag so anstrengend ist und Ihnen alles zu viel wird? Heute morgen? Ist wahrscheinlich noch nicht lange her …

Ich gerade eben. Als ich auf dem Rückweg von Köln nach Bonn im Berufsverkehr darüber nachdachte, was ich im Zusammenhang mit dem Umzug meiner Mutter (sie ist in ein Seniorenheim nach Bonn gezogen) alles erledigen muss, wie unordentlich ich meine Wohnung morgens verlassen hatte, was ich einkaufen und für den Abend kochen sollte, was noch alles für meine Steuererklärung fehlt usw. usw.

„Gott, ist das alles anstrengend“ dachte ich schlecht gelaunt, als ich von einem Stau in den nächsten fuhr …

… und im gleichen Moment wurde mir wieder schlagartig klar:

Nicht „DAS ist alles so anstrengend“ sondern „ICH strenge MICH an.“

Nicht mein Alltag oder der Umzug meiner Mutter oder Egal-wer-oder-was strengt mich an, sondern ICH strenge MICH an.

Mit meinem Denken: „DAS ist alles so anstrengend“ bleibe ich der Hektik des Lebensalltags ausgeliefert und sehe keine Möglichkeiten, mein Leben zu verändern oder zu gestalten.

Spüren Sie mal rein, wie sich der Satz anfühlt: „Das ist alles so anstrengend“.

Und jetzt ersetzen Sie DAS durch ICH: „Ich strenge mich an“.

Fühlen Sie den Unterschied?

Denken Sie „Ich strenge mich an“ werden Sie zum Handelnden, zum Verantwortlichen. Sie kommen in den Moment, Sie sind bei sich.

Und wir können noch einen Schritt weitergehen und uns fragen (bzw. im genannten Beispiel frage ich mich):

„WIE strenge ich mich an?“

ICH strenge MICH an,

• indem ich all meine Aufgaben der nächsten Zeit wie einen riesigen Berg vor mir sehe, statt auf das zu schauen, was gerade ansteht,

• indem ich mich ständig sorge, ob sich meine Mutter im hohen Alter in dem Seniorenheim noch zurechtfindet und sich einlebt, statt darauf zu vertrauen, dass sich schon alles entwickelt,

• in dem ich es anderen Menschen Recht machen möchte, statt meine Grenzen zu beachten,

• in dem ich in Gedanken immer ein paar Schritte voraus bin, anstatt mehr im Moment zu bleiben.

Bruno-Paul de Roeck (aus „Gras unter meinen Füssen – eine ungewöhnliche Einführung in die Gestalttherapie“) schreibt:

„Mit der Antwort auf die Frage „Wie“ werden wir uns bewusst, was wir tun. Solange wir unbewusst unseren Gewohnheiten nachgehen, lassen wir uns treiben.

Wird uns bewusst, was wir tun, können wir wählen: alles so lassen, wie es ist oder etwas verändern.“

Ich kann mir also überlegen: Will ich mich hier anstrengen? Oder will ich das nicht? (und mich weniger um meine Familie sorgen, mehr meine eigenen Grenzen beachten, vertrauensvoller in die Zukunft schauen, mehr Tiefkühlprodukte ausprobieren …)

Beide Entscheidungen sind okay. Selbst wenn ich mich entscheide, mich weiter „anzustrengen“, ist dies dann ein bewusster Schritt.

Wir entdecken, dass wir Wahlmöglichkeiten haben. Wir verlassen die passive „Ich-lass-mich-durchs-Leben-treiben-Haltung“ und gelangen in die aktivere „Ich-kann-wählen-Position“ .

Wird uns bewusst, wie wir mit uns selbst umgehen, können wir uns entscheiden, andere Möglichkeiten auszuprobieren und zu erleben, wie das ist.

Fragen Sie sich das nächste Mal bei einem Gedanken wie: Das ist alles so anstrengend, das ist alles so stressig, das ist alles so schwer.

• WIE strenge ich mich gerade an?

• WIE stresse ich mich gerade?

• WIE mache ich es mir gerade schwer?

Sie werden erkennen, dass Sie Wahlmöglichkeiten haben. Und vielleicht was Neues ausprobieren.

PPS: Lesen Sie mehr über die Gestalttherapie: Licht am Ende des Tunnels und Gestalttherapie: Habe ich das Problem wirklich? und Ich erkenne mich in Dir.

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