Blätter in unterschiedlicher Färbung

Phasen der Veränderung

Treten schwerwiegende Veränderungen in unser Leben – egal welcher Art – dann brauchen wir als allererstes einmal Zeit. Zeit, diese Veränderungen zu bewältigen.

Wir verarbeiten Veränderungen meist in Phasen bzw. Entwicklungsstufen, in denen wir eine ganze Bandbreite an unterschiedlichen Gefühlen, Denkmustern und Verhaltensweisen durchlaufen.

Ein Verständnis dieser Phasen hilft, die eigenen emotionalen Reaktionen wie auch die von anderen in herausfordernden Veränderungen besser nachvollziehen zu können.

Richard K. Streich hat ein Phasenmodell-Modell entwickelt, das (ursprünglich) zeigt, welche Emotionen und Gefühle Mitarbeiter bei Strukturveränderungen in Organisationen durchlaufen.

Dieses Modell können wir aber auch bei persönlichen Krisen und anderen herausfordernden Veränderungen nutzen und erkennen, wie sich unsere Psyche an die Veränderungen in unserem Leben anpassen kann.

Wir verstehen dann, dass anfängliche Gefühle des Schocks, Lähmung bzw. der Ohnmacht vergehen.  Dass wir Erlebnisse wie den Verlust geliebter Menschen, Trennungen vom Partner, berufliche Niederschläge, Krankheiten etc. bewältigen können und unsere Psyche sich von diesen Erfahrungen erholen und heilen kann.

Diese Entwicklungsschritte müssen nicht in der beschriebenen Reihenfolge ablaufen. Sie können auch gleichzeitig auftreten oder übersprungen werden. Auch ihre Intensität und Dauer ist individuell sehr unterschiedlich.

Vorahnung

Manchmal können wir einschneidende Veränderungen bereits ahnen. Wir spüren, dass in unserem Leben etwas schiefläuft, möchten dies aber nicht wahrhaben. Wir versuchen, dieses leise nagende Gefühl der Unsicherheit zu unterdrücken und lenken uns ab.

Schock

Plötzliche und einschneidende Umbrüche wirken zunächst wie ein Schock. Für uns Bekanntes und Sicheres ist plötzlich weg. Wir reagieren mit Panik, Ohnmacht und dem Gefühl der Ausweglosigkeit. Das ganze Leben verengt sich auf die Krise und nichts bleibt davon verschont. Wir fühlen uns wie gelähmt, wie in einer Art Schockstarre.

Diese Reaktionsmuster haben ihre Ursache in dem entwicklungsgeschichtlich ältesten Teil unseres Gehirns, dem Stammhirn. Das Stammhirn steuert überlebenswichtigen Funktionen wie Atmung, Blutdruck und Reflexe und erfüllt für uns eine ganz wesentliche Schutzfunktion: Im Moment einer Gefahr entscheidet dieser Teil des Gehirns im Bruchteil einer Sekunde, ob wir fliehen, angreifen oder uns Tot stellen.

Verneinung und Verdrängung

Nach und nach werden wir uns der Bedeutung der Krise und ihrer Auswirkungen bewusst. Und damit wächst unser Widerstand.

Wir verleugnen rational und emotional die Entwicklungen. Gefühle der Wut auf „Verursacher“ der Krise wachsen. Wir wollen unser Leben so schnell wie möglich wieder in den Griff bekommen. Unsere emotionale Stabilität wiederherstellen. Wir klammern uns an die Wirklichkeit vor der Krise.

Um unsere „alte“ Wirklichkeit wiederzuerlangen, versuchen wir, das Problem, das uns in die Krise geführt hat, mit unseren alten und bekannten Methoden zu beheben.  Diese Form der Krisenbewältigung scheitert meist, da wir „mehr des Gleichen“, nie jedoch etwas gänzlich Neues ausprobieren. In dem Glauben, dass wir durch unsere Aktionen die Situation unter Kontrolle bekommen, fühlen wir uns jedoch wieder handlungsfähig.

Manchmal sammeln wir hier auch erste Informationen: Wir lesen entsprechende Bücher und Informationen im Internet, suchen Gespräche und holen Meinungen anderer ein. So wird der Nährboden für erste kognitive und emotionale Einsichten geschaffen.

Verstehen

Langsam erkennen wir, dass uns unser Widerstand gegen die Krise nicht weiterbringt.

Wir sehen das Problem und nehmen es – allerdings nur vom Verstand her – an. Unsere Gefühle wehren wir immer noch ab. Wir konstruieren Geschichten um die Geschehnisse und handeln noch mit unseren gewohnten Verhaltensweisen und Denkmustern.

Wir begreifen zwar, dass wir uns verändern müssen, aber wir finden noch keine Lösung, die uns wirklich weiterbringt. Und wir akzeptieren auch die möglicherweise notwendigen Konsequenzen nicht. In unserem Herzen sind wir noch nicht bereit, uns wirklich zu ändern.

Unsere Wahrnehmung orientiert sich noch an der Vergangenheit, wir haben das Alte emotional noch nicht losgelassen.

In der nun folgenden Phase stellen wir uns nun nach und nach auch emotional auf das Erlebte ein.

Annahme der Gefühle

Diese Phase ist die schmerzlichste, gleichzeitig aber die wichtigste. Hier erkennen wir, dass wir nicht weiterkommen, wie bisher. Wir haben alles versucht – nichts hat geholfen. Allmählich lassen wir uns auf unsere Gefühle ein. Wir durchleben unsere schmerzhaften und belastenden Emotionen. Durch das bewusste Durchfühlen können wir die Gefühle nach und nach annehmen. Sie helfen uns, uns vom Vergangenen zu lösen. Das Erlebte als Teil unseres Lebens zu akzeptieren.

Ausprobieren und Integrieren

Diese emotionale Verarbeitung schenkt uns Mut für ein Ausprobieren neuer Strategien und eine Integration des Erlebten in unsere Erfahrungen. Nachdem wir unsere schmerzhaften Gefühle zugelassen und durchlebt haben, werden wir frei für neue Lösungsansätze. Jetzt probieren wir Neues aus. Dafür haben wir jetzt auch mehr Energie, da wir unseren Widerstand gegen das Geschehene aufgeben.

Nach und nach finden wir heraus, was funktioniert. Erste Erfolge stellen sich ein. Unsere Zuversicht wächst. Wir erkennen immer mehr Wege, wie wir die Krise gut bewältigen können. Damit wächst unser Glauben an die eigene Kraft und an unsere Selbstwirksamkeit. Dieses Gefühl schenkt uns das Vertrauen, auch zukünftige Umbrüche in unserem Leben zu meistern.

Herzlichst,

Ihre Anna Kötting

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